Vitality and Variety : Bernstein Gala in the Nikolaisaal with the Filmorchester Babelsberg

(Potsdamer Neueste Nachrichten, 22.05.02)

This German language review of the Filmorchester's Bernstein concert is being translated into English.

Leonard Bernstein "Pop music scheint heute das einzige Gebiet zu sein, auf dem unerschrockene Lebenskraft, Freude an der Eingebung und ein Strom frischer Luft zu spüren sind", schrieb Leonard Bernstein im Jahr 1966. Dass diese Qualitäten in hohem Maß auch auf seine eigenen Kompositionen zutreffen, zeigte das Deutsche Filmorchester Babelsberg bei der Großen Bernstein-Gala im Nikolaisaal. Unter der Leitung von Chefidirigent Scott Lawton entfaltete das Orchester ein Feuerwerk an Vitalität und musikalischer Vielfalt. Ob Jazz, Musical, Oper, Sinfonie, Fuge, Tänze aller Art - das Filmorchester legierte die farbenprächtigen Elemente zwischen laut und leise, hart und weich, lyrisch und dramatisch mit prägnantem Strich. Das Filmorchester spielte die ganze Palette seines Könnens aus und vereinigte das Rhythmusfeeling eines Jazz- und Swingorchester mit den streicherzarten und holzbläserweichen Delikatessen eines Sinfonieorchesters.

Viel zu selten wird Bernsteins spritziges Musical "Candide" auf die Bühne gebracht. Das nach dem weltberühmten satirischen Roman von Voltaire 1956 uraufgeführte Werk, in dem es nicht an Seitenhieben auf aktuelle gesellschaftliche Probleme, wie die Kommunistenverfolgung unter Senator McCarthy, fehlt, ist eine der spritzigsten und übermütigsten Kompositionen Bernsteins. Die kurze Ouvertüre beleuchtet die parodistisch verfremdete Mischung aus Stilen und Motiven der klassisch-europäischen Musik schlaglichtartig. Ein optimistisch hüpfender Marsch mündet in eine opulentes Finale. Während dieser Programmpunkt in der Alten Welt, zeigten die drei folgenden verschiedene Facetten der Neuen Welt, genauer aus dem riesigen "Schmelztopf" New York. Zu einem Schmelztiegel, in dem die heterogensten Kulturen und Traditionen aufgegangen sind, ist auch Bernsteins Musik geworden.

Das harte Arbeitsmilieu im New Yorker Hafen wird in dem Jahrhundertfilm "On the Waterfront" von Kazan dargestellt. Leonard Bernstein war von der Rohfassung des Films so beeindruckt, dass er Musik dazu komponierte, die als autonome Orchestersuite in die Musikliteratur eingegangen ist. In einem harten naturalistischen Idiom erklingt die Musik, ein "presto barbaro" im ersten Satz mit heftigen Akkorden, die dem Hörer gleichsam um die Ohren gehauen werden. Nur im innigen Liebesmotiv des Andante largamente bleibt die erbarmungslos voraneilende Zeit für einen zauberhaften Moment stehen. In sinfonischer Breite ergeht sich hier ganz spätromantisch timbrierte Musik. Unversöhnlich, wuchtig bis zur Schmerzgrenze gellen dann wieder die Schlussakkorde in die Hörerohren, die wohl teilweise nicht auf solche Ausbrüche gefasst waren. Dafür ging es in der Musical-Einlage aus "On the town" umso heiterer zu. Die Sänger Christin Zacher, Danny Costello und Luis Lay legten zu Original-Swing-Music der vierziger Jahre eine veritable Show auf die Bretter des Nikolaisaals. Mit viel schwungvoll getanztem und gesungenen Feeling für amerikanischen "Way of Life" eroberten sie die Zuschauer im Nu. Bei einer Bernsteingala durfte natürlich das berühmteste seiner Musicals nicht fehlen: die "West Side Story". Das Filmorchester Babelsberg tauchte die "Sinfonischen Tänze" in ein farbenprächtiges Kleid. Vom spannungsreichen Tritonus-Akkord des Prologs über das nahezu klassische Streichquartett in "Somewhere" bis zum wildesten Mambo gab es einen rhythmisch präzisen Breitwand-Sound zum Besten, der seinesgleichen suchte. Mit einem friedensverheißendem Flötensolo endete das hinreißende Stück. Mit seinem Lob der Popmusik stand Bernstein in den sechziger Jahren innerhalb seiner Komponistenkollegen, zumal der europäischen, eher allein da. Die ungebrochene Popularität seiner eigenen Werke zeigt dagegen, dass auch er ein Meister darin war, mit seiner Musik eine breite Zuhörerschaft anzusprechen.