Solo for a swallowed whistle:
Chaplin's "City Lights" with the Filmorcheser Babelsberg in the Hans Otto Theater

(Potsdamer Neueste Nachrichten)

This German language review of "City Lights" is being translated into English.

Charlie Chaplin with flower girl Ein Denkmal soll enthüllt werden und es haben sich die honorigen Persönlichkeiten der besseren Gesellschaft eingefunden, um dies mit der gebotenen Würde zu feiern. Als der Redner ans Pult tritt, um die Ernsthaftigkeit und Bedeutung des Ereignisses herauszustellen, ist am Anfang des Films bereits alles gelaufen. Denn nicht Worte verlassen die Lippen. Lediglich unartikuliertes Schnarren und Schnattern aus dem Orchester imitiert den ungebremsten Redefluss. Wortlose Rhetorik, Ausdruck ohne Inhalt. Der Film "City Lights" von Charlie Chaplin verhehlt nicht, was er von dieser Entwicklung hält. Sein 1931 fertiggestellter Film funktioniert ganz nach den Regeln des Stummfilms, wenngleich er - wie hier am Beginn - mit dem Ton experimentiert.

So verzichtbar für Chaplin die Sprache seiner Figuren ist, so unverzichtbar ist für den Film die Musik. Die durchkomponierte Partitur dient nicht, wie heute durch die Erfordernisse des Tonfilms üblich, zur Untermalung einzelner Bilder und Szenen, sondern wird selbst zum strukturellen Element des Films. Welche Bedeutung Chaplin ihr zumisst, mag man daran ersehen, dass er neben dem Drehbuch, der Regie und der Hauptrolle auch die Komposition der Filmmusik in dei eigene Hand nimmt. Und er nutzt ihre Möglichkeiten sehr bewusst. Filmmusik ist im Gegensatz zum gesprochenen Wort uneindeutig. Sie öffnet im Zusammenspiel mit den Bildern Freiräume für eigene Inptetation. Sie überhöht, unterstreicht, schwächt ab, sie bereichert die Bilder um eine zusätzliche Dimension, gibt ihnen Tiefe. Die Filmfigur des Tramps Charlie lebt von dieser Tiefe, sie gewinnt ihr Profil ma§geblich aus dem Zusammenspiel von Chaplins reicher Mimik und pantomomischer Gestik mit der Sprache der Musik. Schon deshalb war sie mit dem Tonfilm nicht vereinbar.

Für seinen Film greift Chaplin auf einen feichen Fundus unterschiedlicher musikalischer Einflüsse zurück. Neben Anklängen aus der amerikanischen E-Musik, wie Gershwins berühmten Klarinettenglissando aus der "Rhapsody in Blue", und dem aufblühenden Jazz, verarbeitet er vor allem Tanzformen der 20er Jahre. Entsprechend finden sich im Orchester Instrumente wie Saxophon und Schlagzeug, die im traditionellen Sinfonieorchester eher selten zu finden sind. Vor allem wenn auf der Leinwand Millionär und Tramp ihre aberwitzige Freundschaf feiern, haben die Musiker alle Hände voll zu tun, zumal sie ganz nebenbei auch noch für die Geräuscherzeugung zuständig sind. Vom Pistolenschuss über Alarmsirene und Autohupe ist neben guten Nerven vor allem ein hervorragendes Reaktionsvermögen gefragt. Unter der sehr klaren und akzentuierten Stabführung ihres Dirigenten Scott Lawton durchmessen die Musiker die Höhen und Tiefen der Partitur, die von den Szenenwechseln auf der Leinwand diktierten Stimmungsumschwünge mit spürbarer Energie und Lust. Das Deutsche Filmorchester Babelsberg ist hier merklich in seinem Metier, sodass am Ende jeder Pistolenschuss und jedes Krachen dort gelandet ist, wo es hingehörte Und als auf der Leinwand der angeheiterte Charlie aus unschuldigem Versehen ein kleines, aber folgenreiches Pfeifchen verschluckt, nutezen die Musiker, die das Feld nun ganz ihrem "Solo - Pfeifer" überlassen dürfen, die sich ergebende Pause, um mit sichtbaren Vergnügen selbst ein paar Szenen des Films zu erhaschen.

Sehr deutlich wird, wie geschickt Chaplin mit den Möglichkeiten des Mediums Filmmusik arbeitet. Wie erfolgreich seine Musik mit Bildern und Szenen zusammenwirkt, kann man leicht an den Reaktionen des Publikums ablesen. Die Musik erzeugt eine Atmosphäre, in der sich die Zuschauer ausgelassener Heiterkeit nicht erwehren können und möchten. Kein Grund sich zurückzuhalten, wenn im Orchester die Funken fliegen. Auf das Publikum im Theaterhaus sprang dieser Funk über, wofür den Musikern am Ende tosender Beifall dankte.