Musik großer Filme vergangener Tage

Markus W. Kropp, Pianist und Online-Redakteur (koelnklassik.de)

Sie kennen dieses Art von Filmen: direkt am Anfang eine wilde Verfolgungsfahrt, in der der Hauptdarsteller nur knapp seinen Tod verfehlt um schließlich doch seine Feinde abzuhängen. Schnitt und Rückblende in die Vergangenheit. So wie man von dieser Art des Filmes von der ersten Sekunde an gefangen genommen wird ist es am 15. Oktober in der Philharmonie Köln passiert. Das Gürzenich-Orchester unter Leitung von Scott Lawton startete direkt durch mit der "Rhapsodie op. 37" von Sir Malcolm Arnold.

Das erste, was auffiel, war der ungeheure Spaß, den Scott Lawton mit diesem Abend hatte. Oft holte er mit großer Bewegung zum nächsten Takt aus ohne dabei je die Haltung zu verlieren. In einem Moment des Konzerts klatschten einige Zuhörer "zu früh" Beifall, was Scott Lawton mit einem verschmitzten Lächeln über seine rechte Schulter beantwortete. In allem frisch-fröhlich-amerikanischem Auftreten verlor er nie seine unglaublich hohe Präzision beim Dirigieren. Eben genau das, was man für diese Art von Musik braucht. Eine rein klassisch-ernste Interpretation hätte in dieser Gattung niemals die Chance zur Authentizität. Das war auch genau das Problem des sehr stark klassisch orientierten Orchesters. Zuviel klassisches Denken, zuwenig Filmmusikdenken. Dieses Manko stahl gerade der Musik von "2001: Odyssee im Weltraum" die gehirnwindende Subtilität. Auch der erste Satz von der Konzertsuite von "Luftschlacht um England, 1969", der eindeutig von der Brutalität des Luftkrieges handelt, konnte dadurch nicht in voller Dramatik zu Ohr gebracht werden. Viel zu "klassisch" für eine musikalisch dargestellte Kriegssituation. Die klassischen Anteile in den Kompositionen waren im Gegenzug von höchster musikalischer Qualität. Fairerweise muss betont werden dass das Gürzenich-Orchester seine Premiere in dieser Musikgattung hatte. Noch nie zuvor hatte sich dieses Orchester mit Filmmusik auseinandergesetzt. In diesem Zusammenhang hat das Gürzenich-Orchester hervorragende Arbeit geleistet. Mit Scott Lawton, der regelmäßig die Musik für Stummfilme von Chaplin, Hitchcock und Fritz Lang dirigiert, hatten sie genau den richtigen Dirigenten für diesen Abstecher in die Filmmusik ausgewählt.

Der Schluss des ersten Teil des insgesamt dreieinhalbstündigen Konzerts wurde mit einer seltenen Form von Filmmusik beendet: Concerto macabre für Klavier und Orchester von Bernard Herrmann aus "Hangover Square, 1975" und Ballade für Klavier und Orchester von Sir Malcolm Arnold aus "Stolen Face". Die Kölner Pianistin Sorina Aust-Ioan spielte nach kurzer Warmlaufphase nicht immer überzeugend. Auf der einen Seite fehlte oft die Linie im Spiel, gerade bei den tiefsten Basstönen. In einigen Momenten sackte das Spiel ins rein Technische ab, gerade bei den Akkorden. Auf der anderen Seite zauberte sie die leisen und hohen Töne weich und sanft aus dem Flügel hervor, auch wenn der Flügel manches mal im Orchester völlig unterging. Alles in allem eine reife Leistung, denn auch hier muss man beachten dass Sorina Aust-Ioan keine Pianistin mit jahrelanger Filmmusikererfahrung ist.

Nach der Pause ging es mit der Musik von "Vertigo" von Bernard Herrmann auf hohem Niveau weiter. Mit diesem Stück zeigte das Gürzenich-Orchester was im Reich der Toten so alles los ist. Es war nichts mehr zu spüren von "klassischer Überinterpretation" oder ähnlichem. Ab jetzt spielte das Gürzenich-Orchester durchweg auf hohem Niveau und zeigte sein tieferes Verständnis für Filmmusik. In "London Theme und Monolog des Richard Ian Blaney", gesprochen von Christian Brückner, auch bekannt als die Stimme von Robert de Niro, knüpfte das Orchester an den hervorragenden Start des zweiten Teils an - wunderbar schön gespielt und den Sprecher dieses Stücks hervorragend begleitet. Christian Brückner hat mit seiner außergewöhnlichen Stimme einen herausstechenden Richard Ian Blaney gespielt; er wurde zurecht mit Extra-Applaus für sein herausragendes Sprechen belohnt. Er hat alles in allem das Konzert mit seinen Einlagen vor jedem neuen Block eine angenehm auflockernde Note in das Konzert eingebracht. Zu den darauffolgenden Stücken ist positiv anzumerken, dass man nicht gemerkt hat, wie die Zeit verflogen ist. Das ist eines der besten Kriterien für ein durchweg gutes Konzert, wenn auch ein sehr ungenaues und unkonkretes.

Ich möchte an dieser Stelle den Veranstaltern danken endlich die große Filmmusik in der Kölner Philharmonie aufführen zu lassen. Mit dem Dirigenten wurde eine hervorragende Wahl getroffen, ebenso mit Christian Brückner als Sprecher. Denn eines hat das Konzert klargestellt: Filmmusik dieser Art steht der "normalen" klassischen Musik in nichts nach. Ein vielleicht hartnäckiges Klischee wurde durch dieses abendfüllende Konzerte klar widerlegt. Filmmusik muss sich vor der ernsten deutschen Musik in keinster Weise verstecken!

Erwähnenswert seien zum Schluss noch die Standing Ovations für den anwesenden Sir Malcolm Arnold, der großartige Filmmusikgeschichte geschrieben hat. Seine Filmmusik waren die Hervorstechendsten des Abends. Aufgrund des lang anhaltenden Applauses gab es noch eine Zugabe. Ich muss sagen: dreieinhalb Stunden sind für ein Konzert dieser Art in keinem Falle zu lang, auch wenn man am Schluss deutlich sein Sitzfleisch gemerkt hat!


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