"Klassik goes Pop" in Rüsselsheim: Grenzgängertum zwischen Scorpions und Carmina Burana

(Von Lars Hennemann, Allgemeine Zeitung, 04.08.2003)

Scorpions Für solche Veranstaltungen ist der Begriff Crossover oder "Grenzgängertum" erfunden worden: Gleich an zwei Abenden holte die Adam Opel AG am Wochenende unter dem Motto "Klassik goes Pop" das seit zehn Jahren erfolgreiche "Classic Open Air" vom Berliner Gendarmenmarkt und dem Magdeburger Herrenkrugpark an ihren Rüsselsheimer Stammsitz. Das Konzept: Das modernste Autowerk der Welt, zur Arena umfunktioniert, dient als spektakuläre Kulisse, die angestrebte Synthese aus sinfonisch Orchestralem und Zeitgenössischem besorgen am ersten Abend das Deutsche Filmorchester Babelsberg unter Scott Lawton, am zweiten Abend die Hardrock-Dinosaurier der "Scorpions", erneut unterstützt vom Filmorchester.

Kann das funktionieren? Es kann...Überzeugend waren jene Partien, in denen klar wurde, warum das Filmorchester Filmorchester heißt: Mit krachender Grandezza pflügte es sich durch John Williams "Jurassic Park", das schwelgerische "One Day I'll Fly Away" aus "Moulin Rouge" verschaffte dann auch Alenka Genzel einen verdienten Applaus. Und die zweite Hälfte des Abends war schließlich über jeden Zweifel erhaben. Minimalistisch konzise führte Lawton das Orchester, "Art of Contrast", den Konzertchor der Staatsoper Berlin sowie Frank Wustlich (Tenor), Robin Adams (Bariton) und Simone Nold (Sopran) durch die monumental zerklüfteten "Carmina Burana".

Dass der Samstag dennoch den stärkeren Eindruck hinterließ, lag am gradlinigerem Konzept. Nach der Ouvertüre aus Verdis "Forza del destino" ließen die Scorpions mit dem programmatischen "Rock You Like A Hurricane" keinen Zweifel an der Marschrichtung des Abends. Den nach wie vor fleißig einschwebenden Fliegern setzten sie "We'll Burn The Sky" entgegen und verdammten sie für zwei Stunden zur Lautlosigkeit.

Bei diesen und anderen Scorpions-Klassikern war wohl die größte Überraschung, dass das begleitende Orchester nicht zu Statistentum degradiert wurde, das nur dann einen Farbtupfer zu setzen hatte, wenn Klaus Meine (Vocals), Rudolf Schenker (Gitarre), Matthias Jabs (Gitarre), Ralph Rieckermann (Bass) und James Kottak (Drums) einmal kurzzeitig Luft holten. Die einzelnen Stücke waren vielmehr gezielt umarrangiert, so dass auf der Bühne wie versprochen die Grenzen zwischen Rock und Klassik durchlässig werden konnten. So zu beobachten in "The Zoo", als Schenker, der zumeist den Berserker gab, das Orchester mit an Karosseriepressen gemahnenden dumpfen Akkorden vor sich her trieb. Oder im schwärmerischen "Send Me An Angel", bei dem Scott Lawton die Violinen in Paarläufe mit Flinkfinger Matthias Jabs trieb.

Mit dem stürmischen "Big City Nights" ging es in die Pause, danach folgte Hit auf Hit: ein von Meines immer noch bruchfestem Falsett getragenes "No One Like You", das breitwandige "Moment of Glory", das schmerzdurchflutete "Still Loving You" (einschließlich der rituellen Coda "Holiday") sowie der Perestroika-Soundtrack "Wind of Change".

Höhepunkt des Abends war jedoch die rein instrumentale "Deadly Sting Suite", bei der Band und Orchester Versatzstücke aus "Crossfire", "Dynamite" und "He's A Woman, She's A Man" zu Hochgeschwindigkeitsduellen montierten.