Les Misérables

Frank Pommer (RON - RHEINPFALZ ONLINE, Montag, 9.12.02, 03:45 Uhr)

This review of "Les Miserables" is being translated from the original German into English.

"Les Miserables" - ganz und gar nicht miserabel - Saarbrücken bietet eine gelungene und spektakuläre Neuproduktion des Musicals nach einem Roman von Victor Hugo
Auf einer französischen Flagge als Projektionsfläche ziehen die Fahnen eines einigen, freien Europas vorbei, inklusive der EU-Flagge. Alle Mitwirkenden stehen Hand in Hand auf mehreren Ebenen der Bühne und verkünden Hugos Hymne der Freiheit: "Hört ihr, wie das Volk erklingt,/tief in dem Tal der Dunkelheit?/Das ist die Symphonie von Menschen/auf dem Weg in hell're Zeit." Natürlich ist dies eine plakative Schlusswendung in einem Stück, das wie einfachst gestrickte Sozialromantik daherkommt. "Les Miserables", Alain Boubils und Claude Michel Schönbergs Musical nach dem gleichnamigen Roman von Victor Hugo, muss das differenzierte gesellschaftliche Panoptikum der über 1500 Seiten langen literarischen Vorlage vereinfachen und zuspitzen, um überhaupt Bühnentauglichkeit zu erlangen. Doch auch im Zentrum des Musicals steht das Plädoyer für Menschlichkeit und die Verkündung möglichen Glückes: in der Hauptfigur Jean Valjean sowie der Liebe zwischen Marius und Cosette.

Dies ist auch in der Inszenierung von Kurt Josef Schildknecht, Saarbrückens Generalintendanten, so, die am Samstagabend am Saarländischen Staatstheater Premiere hatte. Doch damit ist erst sehr wenig gesagt über einen Theaterabend, der in Erinnerung bleibt. Die Saarbrücker "Elenden" - in der deutschen Textfassung von Heinz Rudolf Kunze - sind vielleicht die aufwändigste und spektakulärste Produktion, die in jüngster Zeit auf den Bühnen im Südwesten gezeigt wurde. Nicht nur, weil von Orchester über Opernchor, Ballett bis hin zu Opern- und Schauspielensemble quasi das ganze Haus beteiligt war; nicht nur, weil Rudolf Rischer (Bühne) und Gera Graf (Kostüme) eine historische und prächtig ausgestattete Theaterwirklichkeit schaffen; nicht nur, weil Schildknecht mit Dreh- und Hebebühne alle technischen Möglichkeiten des Staatstheaters nutzt (um damit die vielen Stationen der Handlung sinnfällig umzusetzen), sondern vor allem, weil über jeden einzelnen Musiker im Saarländischen Staatsorchester bis hin zu der kleinsten Nebenrolle auf der Bühne eine engagierte und mitreißende Leistung geboten wurde. Hier wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Und das Ergebnis ist spektakulär und absolut empfehlenswert.

Einen großen Anteil am vom Premierenpublikum frenetisch gefeierten Erfolg hatte das Orchester unter der Leitung von Scott Lawton. Im Unterschied etwa zur CD-Produktion der deutschsprachigen Erstaufführung aus Wien setzt Lawton nur sehr spärlich elektronische Instrumente ein - und das Orchester beweist eindrucksvoll, dass es auch mit "konventionellen" Instrumenten sehr gut geht.

Unmöglich, alle Mitwirkenden der Riesenproduktion aufzählen zu wollen. Hervorzuheben sind sicherlich die schauspielerischen Leistungen von Martin Leutgeb und Anne Welte (Ehepaar Thenardier), die stimmliche Wandlungsfähigkeit von Guido Baehr als Jean Valjean ebenso wie von Norbert Lamla als dessen Gegenspieler Inspektor Javert; Katharine Mehrling (Eponine) präsentierte eine fantastische Musical-Stimme amerikanischer Broadway-Schule, Peggy Steiner (Cosette) eine sauber intonierende klassische Opern-Stimme. Und da war dann noch das eindrucksvolle Debüt des zwölfjährigen Tim Ruppe aus dem westpfälzischen Reifenberg bei Zweibrücken in der Rolle des Gavroche. Abstriche muss man allenfalls bei Petter Udland Johansen (Marius) und Ansgar Schäfer (Enjolras) machen, bei denen die darstellerische Verkörperung der Rollen als Anführer der Barrikaden-Revolte gegen ein Unrechts-Regime leider oftmals auf Kosten der Intonation ging.

Aber das sind Marginalien an einem Abend, dem das Gütesiegel Extraklasse zu verleihen ist.