Les Misérables

Oliver Schwambach (Saarbrücker Zeitung, 09.12.02)

Die Revolution singt mit ihren Kindern

Ein perfektes Musical-Vergnügen: Kurt Josef Schildknecht inszeniert am Saarbrücker Theater "Les Misérables" - in Bildern wie von Delacroix gemalt

This review of "Les Miserables" is being translated from the original German into English.

Les Mis Pausenfinale Saarbrücken. Sind wir nicht alle gerade irgendwie auf den Barrikaden? Otto Normalo, weil man ihm Steuern aufbrummt, die Opposition, weil sie sich um den Wahlsieg geprellt glaubt. Und selbst der Kanzler fühlt sich ob der Dauer-Häme über seine Gerd-Show schon ganz miserable. Alors, allons enfants... Doch arrêtez! Bevor sich jetzt die Steuer-Geknechteten erheben und gen Staatstheater ziehen: Auf der Saarbrücker Bühne macht man keine Revolution, man träumt nur davon. Einen herrlichen Theater-Traum. Seit Samstag drei Stunden lang pro Abend. Und das noch 39 mal. So oft will das Staatstheater sein neues Musical "Les Misérables" mindestens spielen.

Victor-Hugo-Kenner wissen natürlich längst, worum es geht. Sein Epos lieferte schließlich das Fundament für das vor fast 20 Jahren in London uraufgeführte Revolutions-Musical von Alain Boublil und Claude-Michel Schönberg. Das historische Panorama ist also die Pariser Juli-Revolution. Vier heiße Barrikaden-Tage im Sommer achtzehndreißig, die zwar den frömmelnden Karl X. und die Restauration hinwegfegten. Viel besser wurde es aber anschließend mit Bürger-König Louis Philippe auch nicht - nicht die letzte Revolution, die so endete.

Trotzdem lässt sich vor dieser Folie natürlich trefflich von Menschen und ihrem Streben nach Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit erzählen. Jean Valjean heißt der Held unserer Geschichte; an seine Lebenslinie knüpft sich der Handlungs-Faden. In größter Not stiehlt Valjean ein Stück Brot. 19 Jahre in Ketten büßt er dafür. Nach seiner Entlassung von einem Gottesmann (mit Milde verströmendem Bariton: Otto Daubner) bekehrt, tut er fortan nur noch Gutes. Kämpft natürlich auf den Barrikaden. Kümmert sich aber auch um die schwindsüchtige Arbeiterin Fantine (Frédrique Sizaret singt diese Partie bannend innig), der er auf ihrem Sterbebett verspricht, ihre kleine Tochter Cosette zu beschützen. Fantine überließ sie unvorsichtigerweise dem schmierigen Thenardier. Ein Gauner, Halsabschneider - und ein gefundenes Fressen für Martin Leutgeb. Den man zwar längst als grandiosen Mimen auf der Staatstheater-Rechnung hatte, aber wie er sich durch diese fiese Rolle grölt, sprechsingt, hüpft und gestikuliert, das ist Sonderklasse. So gut, dass einem dieser Lump schon wieder sympathisch wird. Nicht minder erfrischend als schreckschraubende Furie an seiner Seite: Anne Welte. Und überhaupt: Bravi haben sie alle verdient, die Choristen (von Andrew Ollivant angeführt, kann man mit den Staatstheater-Chören wirklich stimmstark Revolution machen) wie die Solisten. Von der kleinen Cosette (Chiara Betz; auch Tim Ruppe als Lausbub Gavroche ist klasse) bis zu großen, die Peggy Steiner einfach hinreißend singt. Kein Wunder, dass Barrikaden-Beau Marius (mit elegantem Tenor: Petter Udland Johansen) darüber fast die Revolution vergisst. Dabei himmelt auch Eponine, noch so ein herzensgutes Mädel (von Katharine Mehrling köstlich-kess gesungen), den Blondschopf an. Nicht zu vergessen Javert, der Häscher, der sich an Valjeans Fersen heftet: Norbert Lamla verleiht dem unbeugsamen Staatsdiener eine feste Stimme - und ganz zum Schluss auch ein mitfühlendes Herz.

Regisseur Kurt Josef Schildknecht und Dirigent Scott Lawton hatten da offensichtlich vier glückliche Hände bei der Besetzung der unzähligen Rollen. Der beste Griff war freilich Guido Baehr (sonst ein gestandener Opern-Sänger) als Jean Valjean. Bei ihm bleibt Valjean keine Theater-Figur, er leidet und kämpft wie ein wirklicher Mensch. Und wenn er auf den Barrikaden neben Revolutions-Führer Enjolras (Ansgar Schäfer) singt, dann ist man ganz Ohr, weil Baehrs Stimme so viele Farben hat.

Aus dem Graben wird der Aufstand nach besten Kräften unterstützt. Dirigent Lawton macht Dampf, lässt das Staatsorchester in Claude Michel Schönbergs monumentalen Sinfonik-Pop schwelgen. So Big-Band-satt hat man die Staatsorchester-Bläser selten gehört. Trotzdem ist Lawton bei Takt und Rhythmus akkurat wie ein Preuße. Kurt Josef Schildknecht schließlich bringt die Illusions-Maschine Theater hochtourig in Fahrt. Ständig schieben, rollen, fahren neue Kulissen herein, tauchen aus der Versenkung auf. Als stolzer Hausherr und General-Intendant zeigt der Regisseur was er, was seine Bühne kann. Doch das verkommt nie zur bloßen Effekte-Schau. Denn die Barrikaden-Pittoresken wie von Eugène Delacroix (Bühne: Rudolf Rischer) gemalt, kontrastiert Schildknecht - fast schon eine Brechtsche Maßnahme der bewussten Desillusionierung - mit wenigen, wohltuend kargen Szenen. Bemerkenswert auch, wie klar er die von Marguerite Donlon flink choreografierten Revolutions-Massen gegen das Individuum mit seinen Wünschen und Sehnsüchten absetzt. Da ist "Les Mis" dann eben mehr als großes Entertainment mit historischem Roben-Rauschen (Kostüme: Gera Graf). Da kommt auch Hugos Werte-Kanon zu seinem Recht. Gewiss, ab und an triumphieren auch Pathos und Kitsch. Wenn etwa nach der Barrikaden-Schlacht die Kämpfer ruhen, dann erhellen wie bei einer Grillparty blau-weiß-rote Lampions die Szenerie. Doch das sind Marginalien. Zum Schluss-Applaus jedenfalls ist das Publikum zwar nicht auf den Barrikaden, aber aus dem Häuschen.